Andrea, Eugen, täuscht der Eindruck oder seid ihr beiden ein verdammt gut eingespieltes Team?
Eugen Römer: Aber hallo…
Andrea Berg (lacht): Das schreib so! Genau so ist es. Sehr schön. Wir arbeiten wirklich schon seit einer Ewigkeit zusammen. Ich war Mitte 20, als ich den Eugen kennenlernte. Und seitdem sind wir ohne Unterbrechung gemeinsam kreativ. So entwickelt man sich im Leben, in der Arbeit, das groovt sich alles unwahrscheinlich ein.
Wie habt ihr euch kennengelernt?
Eugen: Andrea war die Frontfrau in einer Band, die ich damals zufällig gesehen habe.
Andrea: Wir waren ein Sextett aus Krefeld, das bei Galaveranstaltungen oder an Silvester zusammenspielte. Damals wurden wirklich noch Tanztees live gespielt. Heute findet so etwas ja gar nicht mehr statt.
Eugen: Jedenfalls habe ich dann ihre Stimme gehört und fand sie sehr markant. Andrea hat eine Altstimme, die sie einzigartig macht. Ich habe sie ins Studio eingeladen. Als sie ein paar der von mir komponierten Lieder sang, habe ich direkt Gänsehaut bekommen. Wir haben dann Demos aufgenommen, und es ging unwahrscheinlich schnell alles los. Wir hatten gleich unsere Plattenfirma, Intercord in Stuttgart, gefunden und sofort einen Albumvertrag bekommen. Die haben uns direkt vertraut.
Gleich das erste Album „Du bist frei“ war dann ein Erfolg?
Andrea: Ja, aber es war nicht so die Art von Überhype, der einen vielleicht überfordert hätte. Wir haben uns rangetastet, ich konnte mich an meine neue Rolle gewöhnen. Die Entwicklung war kontinuierlich. Von Album zu Album wurde die Popularität größer, der Erfolg mehr.
Du bist also nicht plötzlich ausgeflippt?
Andrea: Nee. Wir haben uns das alles langsam und ruhig erarbeitet. Ich hatte auch meinen Beruf und damit die Möglichkeit, das Singen ausprobieren zu können.
Eugen: Wir wussten auch beide nicht, was ausflippen heißt. Bis heute sind wir sehr bodenständig geblieben. Wir arbeiten seit 17 Jahren zusammen und hatten trotz mancher Reibereien nie großen Stress. Bis heute haben wir sehr viel Lust darauf, unser Ding zu machen. Es macht wahnsinnig Spaß. Und wir haben natürlich auch Erfolg. Wir haben zehn Millionen Alben verkauft und die Beatles und Pink Floyd in der Chartpräsenz geschlagen. Kein Album ist länger in den deutschen Charts vertreten als Andreas „Best Of“.
Andrea: Dieser Rekord ist auf Jahre hinaus nicht zu schlagen. Sechs Jahre, das muss man erst mal schaffen.
Was ist das Geheimnis eures Erfolgs?
Eugen: Es ging bei uns nie vordringlich ums Geldverdienen. Sondern um den Wunsch, Großes Kino zu machen.
Andrea, du fährst einen schwarzen Porsche und trägst manchmal Schuhe für über 500 Euro. Was ist bodenständig an deinem Leben?
Andrea: Für mich bedeutet Bodenhaftung, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Zu wissen, wo man hingehört und worauf es ankommt. Ich bin ehrfürchtig dankbar für jeden Augenblick, aber ich genieße auch jeden Augenblick. Weil ich weiß, dass alles endlich ist.
Meinst du die Karriere oder das Leben?
Andrea: Natürlich ist Musik mein Leben. Aber das wichtigste sind die kleinen Augenblicke. Dass man überhaupt erkennt, was einem alles gegeben wurde.
Viele werden nach Jahren des Erfolgs gleichgültig, gierig und größenwahnsinnig.
Eugen: Wenn ich kurz einhaken darf: Die Unendlichkeit lebt auch aus der Erkenntnis, dass es eine Endlichkeit gibt. Der Albumtitel „Zwischen Himmel und Erde“ beschreibt zwischen den Zeilen diesen Kontrast und damit letztlich das, was das Leben schlechthin ausmacht.
Wie bewahrst du dir dein Staunen, Andrea?
Andrea: Alles, was ich mache, mache ich mit Liebe und mit Leidenschaft. Ich mag jeden einzelnen Menschen, der mir zuhört, und ich nehme den auch war. Ich glaube, das mögen die Menschen auch an mir. Ich blicke nicht über sie hinweg und denke „Ich hier oben, ihr da unten“. Vielmehr fließt eine Energie. Deswegen nehmen mich die Menschen nicht wahr als den Superstar. Sondern als ihre Andrea. Ich mag Menschen und rufe durch meine Musik gerne Emotionen in ihnen hervor.
Wir würdest du dich selbst beschreiben?
Andrea: Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Ich kann melancholisch und nachdenklich sein. Aber auch lustig und irre und albern. Je nach Stimmung.
Wie normal ist dein Leben abseits der Bühne?
Andrea: Ganz normal. Ich bin Hausfrau, ich bin Mutter, ich kümmere mich um unsere Tiere. Ich mache auch den Garten, pflanze schöne Blümchen, das tut mir alles sehr, sehr gut. Mein Mann und ich, wir haben ein Hotel, den Sonnenhof im schwäbischen Kleinaspach. Ich betreue ein Hospiz in Krefeld, ich kümmere mich um siamesische Zwillinge in Nigeria und mache viele Sachen, über die ich nie erzähle, aber die etwas damit zu tun haben, dass man immer den Blick fürs wesentliche behält. Dadurch wird mein Sinn geschärft. Auch der Sinn dafür, wie wertvoll das Leben ist.
Du hast Krankenschwester gelernt.
Andrea: Genau. Krankenschwester und Arzthelferin. Dieses Behüten und Pflegen von Menschen, das steckt in mir drin. Ich wende mich den Menschen zu und kümmere mich um sie – auch und insbesondere natürlich mit meiner Musik.
Zu den Menschen singen ist also ähnlich, als wenn du Menschen über den Kopf streichelst?
Andrea: Ja. Ich berühre und treffe sie. Nicht immer nur körperlich, sondern auch seelisch. Wenn mir ein Mensch sagt, „Ich war traurig, und ich konnte mich mit deinem Lied trösten“ - dann hat das eine Intensität, die mich glücklich macht.
Erlebst du viele solcher Reaktionen?
Andrea: Sehr viele. Nach jedem Konzert gebe ich eine Autogrammstunde, die weit über die Stunde hinausgeht. Bis der letzte gegangen ist, bin ich auch da.
Wie kommst du von deinen Konzerten und solchen Begegnungen runter?
Andrea: Man kann das nicht abschütteln. Oft gibt es Geschichten, die mich sehr, sehr berühren. Es wäre aber auch schlimm, wenn es nicht so wäre, wenn mich nichts mehr packen würde.
Du hast im vergangenen November das Bundesverdienstkreuz bekommen.
Andrea: Ja, für meine Arbeit in der Hospizbewegung. Ich habe den Vorteil, dass die Menschen mir zuhören. Ich vermittele ihnen ohne erhobenen Zeigefinger, wie wertvoll das Leben ist. Oder wie unwichtig materielle Errungenschaften sind. Es ist unwahrscheinlich schön, dass ich diese Gefühle mit Hilfe meiner Musik überbringe. Inzwischen ist es schon so, dass sich ganze Fanclubs in der Hospizbewegung engagieren.
Kümmerst du dich um ein bestimmtes Hospiz?
Andrea: In Krefeld habe ich ein eigenes Hospiz zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz gegründet.
Wie war denn dieser Moment, als Horst Köhler dir das Kreuz umgehängt hat?
Andrea: Sehr, sehr ergreifend. Mit mir sind noch weitere Menschen geehrt worden, die die gleiche Arbeit machen. Das war sehr interessant, sich mit diesen Menschen austauschen zu können.
Also hatte das Verdienstkreuz mit deiner Musik direkt nichts zu tun?
Andrea: Ich hätte das ja nie bekommen, wenn ich als Arzthelferin oder Krankenschwester weiter im Krefelder Klinikum gearbeitet hätte. Da ich in der Öffentlichkeit stehe und so vielen Menschen über die Hospizbewegung erzähle, hören die Menschen mir zu. Und dieses Zuhören verdanke ich meiner Musik.
Dabei stehst du gar nicht so gerne in der Öffentlichkeit, oder?
Andrea: Ich habe es über die Jahre tunlichst vermieden, in irgendwelche Talkshows zu gehen oder den Menschen Rede und Antwort zu stehen. Da liegen nicht meine Stärken. Meine Stärken liegen auf der Bühne. Meine Stärke ist es, den Menschen in die Seele zu singen. Ich bleibe lieber bescheiden im Hintergrund und lasse mich auch nicht gerne über mein Privatleben ausfragen. Denn so wichtig bin ich nicht. Ich koche, zupfe Unkraut...es kommt mir komisch vor, wenn die Leute unbedingt wissen wollen, wie mein Tag aussiehst.
Stimmt es, dass du im Hotel Sonnenhof manchmal das Frühstück servierst?
Andrea: Ja, klar.
Weil es Spaß macht oder weil nicht genug Personal da ist?
Andrea: Weil ich einfach in dem Moment Lust habe, Menschen zu begegnen. Das ist ja auch ein Kümmern. Nur wieder in einer anderen Form.
Wer sind denn die Menschen, die zu deinen Konzerten kommen?
Andrea: Es gibt den typischen Andrea-Berg-Fan nicht. Das sind kleine Kinder ab drei oder vier Jahren, die mit ihren Eltern oder Omas kommen. Das sind Teenager, die gerade ihren ersten Liebeskummer erleben. Das sind auch die reifen Frauen. Im Grunde von 0 bis 80. Auch gleich viele Männer und Frauen. Nur so kann ja auch zustande kommen, dass wir in 17 Jahren über zehn Millionen Alben verkauft haben. Die Zahl spricht für sich und auch dafür, dass mich nicht nur die gefrusteten Damen zwischen 35 und 40 hören.
Schlager gilt ja nun nicht als Teenagermusik. Kommen die Kids wirklich?
Andrea: Es kommen viele, viele junge Leute, die sich ein Autogramm auf ihr Handy schreiben lassen. Und beim nächsten Mal sind sie wieder da und sagen „Kannste noch mal, bitte? Ist mir verwischt“.
Eugen: Andrea ist eine Crossover-Künstlerin. Das typische Andrea-Berg-Publikum ist das Publikum, das mit besonders guten Texten und einer besonders guten Performance beschenkt werden will. Andrea macht auf der Bühne eine große Show. Das ist ein Erlebnis, das ist kein Tralala. Sie könnte in einer Woche locker zwei Konzerte vor 10.000 Leuten geben.
Andrea, beschreib‘ doch mal das „Große Kino“.
Andrea: ….
Eugen: „Großes Kino“ ist für mich die Performance in der Gesamtheit. Das Publikum saugt ihre Texte und ihre Musik auf, es therapiert sich damit. Die Musik und Stimme von Andrea wirken wie Therapie. Bei ihr stimmt immer das gesamte Paket. Eine süße Stimme reicht nicht zum Erfolg. Um in dieser Größenordnung erfolgreich zu sein, muss einfach alles stimmen.
Im Booklet zu deinem neuen Album „Zwischen Himmel und Erde“ fährst du richtig dick auf, steigst im Abendkleid aus Hubschrauber und Privatjet. Ist das nicht das Gegenteil zu „Auf dem Boden bleiben“?
Andrea: Ja. Ich sitze auf manchen der Bilder im verwelkten Laub vor diesem morbiden, zerfallenen Haus. Und dann kommt diese Hightechwelt, das Flugzeug und der Hubschrauber. Das ist physikalisch wie auch im übertragenen Sinne: Zwischen Himmel und Erde. Wir spielen mit diesem Kontrast, mit der Diskrepanz.
Eugen: Es wäre verlogen zu behaupten, dass das Bodenständige bei uns bedeutet, wir machten nichts, was verrückt ist. Im Verrückten steckt mehr Leben als im Nicht-Verrückten.
Über deine Bodenständigkeit haben wir gesprochen. Sprechen wir über deine Verrücktheiten.
Andrea: Ich miete einen Privatjet, klebe dort meinen Namen dran und mache Fotos. Ich fliege mit dem Hubschrauber auf den Parkplatz vom „Media Markt“ und treffe dort meine Fans. Mit mir und in meiner Show passieren immer wieder spontane Dinge.
Eugen: Ich habe nie darüber nachgedacht, wie das mit dem Hubschrauber im CD-Booklet ankommt. Ich denke einfach „Das ist eine geile Idee, lasst uns das umsetzen.“ Wir wollen polarisieren und dass die Leute sagen „Ist die Berg jetzt bekloppt geworden?“ Ein gewisses Maß an Übertreibung kommt der Wirklichkeit immer am nächsten.
Gehört das Flugzeug dir?
Andrea: Nee. Der Hubschrauber auch nicht.
Eugen: Der Learjet ist kein Eigentum, aber er steht immer bereit für Andrea. So ein Ding zu kaufen, ist nicht sinnvoll. Aber so eine Teilhaberschaft, die wir an dem Flugzeug haben, die ist sehr praktisch. So kann Andrea nach einem Konzert, meinetwegen in Dresden, immer noch raus fliegen, im eigenen Bett aufwachen und ihre Tochter zur Schule bringen.
Wärst du gerne weltweit erfolgreich?
Andrea: Ich lebe davon, dass ich mit meinen Songs die Seelen erreiche. Dass die Menschen mich also verstehen. Das kann auch in Holland sein oder in der deutschsprachigen Schweiz. Vielleicht gehen wir mal nach Amerika, aber es ist jetzt kein Traum von mir, auf große Welttournee zu gehen. Viel wichtig ist mir, dass ankommt, was ich singe.
Wieso ist ausgerechnet die „Best Of“-CD so erfolgreich geworden?
Eugen: Das sollte man die zwei Millionen Käufer fragen. Jeder würde jetzt sagen „Weil da gute Titel drauf sind“. Aber man kann das Phänomen nicht erklären. Ich glaube, die Menschen haben etwas Wertvolles in den Händen, wenn sie dieses Album kaufen. Der Querschnitt ist sehr gut. Da ist auch „Du hast mich tausendmal belogen“ drauf und viele andere schöne Titel mehr.
Haben dich viele Leute über diese „Best-Of“ erst kennengelernt? Leute, die sich mit Schlager nicht so auskennen und denken „Mensch, wer ist denn diese Andrea Berg“?
Andrea: Die „Best Of“ ist für viele das Einstiegsmodell. Die Lust ist dann aber oft so stark, dass die Leute sich trotzdem alle CDs kaufen. Die kommen dann mit ihren zwölf Alben und lassen sich auf jedes Cover ein Autogramm geben. Mit der „Best Of“ geht es los, aber für viele geht es dann erst richtig ab.
Eugen: Der Türöffner war für viele „Du hast mich tausendmal belogen“. Wenn ein Titel wie dieser gut ankommt, dann ist das für mich der Wegweiser. Leute, die die Single mögen, kaufen das Album, weil sie hoffen, dass das Album genauso gut ist. Und das ist bei Andrea so. Die Alben spiegeln das wider, was die Leute von ihrer Musik erwarten. Auch das letzte Album „Splitternackt“ hat 500.000 Stück verkauft. Weil sich die Menschen auf Andrea verlassen können, weil sie wissen, sie kriegen Qualität.
Man wirft dem Schlager vor, er male das Bild einer heilen Welt. Ärgert dich dieses Vorurteil?
Eugen: Da möchte ich einhaken, mit ein bisschen Polemik: Es gibt Schlager. Und es gibt Andrea Berg. Schlager ist ein sehr breitgefächertes Gebiet, aber es gibt zu Andrea wirklich kaum Berührungspunkte. Dieser leichtfüßige Tralala-Schlager ist etwas anderes als das, was Andrea macht. Andrea zeichnet sich durch ihre Texte, durch ihren Groove, für den ich verantwortlich bin und der oft zu kopieren versucht wird, wirklich aus. Alle diese Elemente machen Andrea einzigartig. Ich will mich jetzt auch nicht verzetteln. Im Grunde genommen macht Andrea Schlager, und man darf auch gar nicht versuchen, sie da jetzt herauszuheben. Aber für mich persönlich hat die Musik eine andere Wertigkeit. Sie hat mit Mallorca und Ballermann und Abfeiern nichts zu tun.
Also kommt Ballermann für dich nicht infrage?
Andrea: Doch. „Tausendmal belogen“ ist ein Titel, der jeden Abend in jeder Mallorca-Disco gespielt wird. Ich bin sowohl auf Mallorca als auch auf Mallorca-Parties aufgetreten. Ich mache für jeden Musik, der meine Musik möchte. Ich mache Musik für die Partyleute, aber auch für denjenigen, der die leisen Töne zwischen den Zeilen erkennt. Wobei meine Texte wirklich alles andere als heile Welt sind.
Eben. Es zerbricht viel.
Andrea: Deshalb passt auch der Titel so gut. „Zwischen Himmel und Erde“ spielt sich das Leben schlechthin ab. Und das Leben ist weiß Gott nicht immer nur heile Welt. Auf meinem Album geht es um Schmerz, um Traurigkeit, um Liebe, um Leidenschaft. Um alles, was sich zwischen Himmel und Erde abspielt.
Nervt es dich, wenn Kritiker sagen, deine Lieder seien rosarot. Haben diese Leute über 15 Jahre lang nicht richtig zugehört?
Andrea: Ich glaube, dass die Leute schon immer richtig hingehört haben. Mit solchen Aussagen will man mich vielleicht manchmal provozieren, aber mich kann man damit nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Weil ich seit vielen, vielen Jahren wirklich authentisch und mit Leidenschaft diese Musik mache und weil es mittlerweile Millionen von Menschen gibt, die etwas von mir bekommen, annehmen und mitnehmen. Und dieses etwas kann nicht oberflächlich sein.
Sprechen wir mal konkret über das neue Album. Welche Idee liegt „Zwischen Himmel und Erde“ zugrunde? Woher kommen in den Songs all die Engel, Teufel, das Paradies, die Hölle?
Eugen: Die Frage ist nicht uninteressant. Aber sie auf diese Weise zu beantworten, das geht nicht. Denn ich fange immer so an, dass ich erst mal komponiere. Für Andrea komponiere. Zuerst gestalte ich dann Melodien, mit denen Andrea sich auch identifizieren können muss. Das ist wahnsinnig wichtig. Im Laufe der Produktion kristallisiert sich etwas heraus. Dann wirst du morgens wach und denkst „Zwischen Himmel und Erde. Da gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, das darzustellen.“ Sei es in der Musik, sei es visuell. Ich kann nicht das Wort „polarisieren“ oft genug in den Mund nehmen. Je länger wir an einem Album arbeiten, desto klarer und authentischer wird es. Das ist wie bei Karl Lagerfeld oder bei Joop. Die erste Idee ist immer der Anfang. Die Weiterführung wird dann zur Produktion und schließlich nach viel Feinarbeit zum Album.
Die Single „Dich soll der Teufel hol’n“ passt da natürlich sehr gut zum Thema.
Eugen: Das Lied hat sich ganz eigenständig entwickelt. Wir wollten für diese Nummer etwas Plakatives, wir wollten eine Hookline wie „So soll es sein“ von Ich + Ich oder „Gib mir Sonne“ von Rosenstolz. Mit der ersten Zeile musst du schon eine Geschichte erzählen. Jetzt sieht das alles so naheliegend aus, aber dieses gesamte Paket entwickelt sich langsam und organisch. Am Ende passt es dann einfach. Diese Idee zu haben, dieses „Zwischen Himmel und Erde“, das ist dann einfach genial. Zumal es gar keinen Titel auf dem Album gibt, der „Zwischen Himmel und Erde“ heißt.
Andrea: „Zwischen Himmel und Erde“ bedeutet für mich auch: Höhen und Tiefen. Speziell in der Liebe. Denn die Liebe ist ja alles andere als beständig. Heute Freud, morgen Leid.
Denkt ihr bei jedem Album, ihr müsst euch steigern?
Eugen: Nein. Man muss weitermachen. Mit dem gleichen Verlangen, mit Kontinuität. Ich sage immer „Wenn du den Gipfel eines Berges erklommen hast, dann beginnt der Aufstieg“. Was jetzt stattfindet, ist Professionalität auf höchster Ebene. Wir haben vieles erreicht, die Existenz ist gesichert. Aber wir ruhen uns nicht aus. Wir wollen den Fans richtig was bieten. Und wir transportieren die Lust, die wir selbst haben
Andrea: Ich würde mich blockieren, wenn ich immer denke „Wie kann ich das noch toppen?“ Das Leben geht immer weiter, auch die Kunst geht immer weiter. Wir haben beschlossen, das Leben weiterzuerzählen.
Wie viel Andrea Berg steckt in den Texten des neuen Albums?
Andrea: Nicht 100 Prozent Autobiographie, aber 100 Prozent Authentizität.
Was heißt das?
Andrea: Alles das, was ich singe, ist tatsächlich echt. Es sind Geschichten aus dem Leben, aber nicht unbedingt die Geschichten aus meinem Leben.
Eugen: Ein Schauspieler muss kein Mörder sein. Aber man kann solche Geschichten nur dann glaubwürdig erzählen, wenn man dem Leben einiges abgerungen hat. Ein Mädel von 20 Jahren könnte die Texte nicht so rüberbringen wie eine Andrea als erwachsene Frau.
Andrea, hast du auch schon mal einen Kerl rausgeworfen so wie im Stück „Dich soll der Teufel hol‘n“?
Eugen: (lacht)
Andrea: Die entscheidende Zeile ist „Ich vermiss’ dich so sehr/Nicht nur bei Nacht“. Eigentlich ist das Lied nicht so böse gemeint, wie der Titel klingt. Denn das Leben ist so, dass jeder mal zu seinem Partner sagt „Du kannst mich mal“ oder „Scher dich zum Teufel“. Das muss eine Liebe aushalten können. Im Gegenteil: Das macht die Liebe stark.
Du sagst in dem Lied aber „Meine Liebe starb über Nacht“. Das ist mehr als „Du kannst mich mal“.
Andrea: Die Nacht ist bei mir immer eine Metapher für etwas ganz Intensives. Das letzte Lied des Albums, „Mach diese Nacht unendlich“, hat ja nichts mit einer Nacht zu tun, schon gar nichts mit Sex, sondern es geht um einen Punkt im Leben, an dem alles so bleiben sollte wie es ist. Weil es perfekt ist und schön. Die Nacht ist hier eine Metapher für „Halt die Welt an“. Das Leben ist ja anders, es bewegt sich, man kann es nicht konservieren.
Gibt es Lieder auf dem neuen Album, die dich besonders berühren?
Andrea: „Mach diese Nacht unendlich“ berührt mich in der Tat sehr. Das ist eine herrliche Ballade.
Achtet ihr auf eine ausgeglichene Mischung zwischen flotten und langsamen Liedern?
Andrea: Die werden nicht abgezählt, aber es hält sich ungefähr die Waage. „Verdammt, ich lieb dich noch“ ist fetzig, „Da wo ein Engel die Erde berührt“ eindeutig auch. Das könnte die zweite Single werden. Auch „Verdammt, ich lieb’ dich noch“ oder „Das Paradies war viel zu weit“ sind Klassesongs.
Eugen: Man darf aber nicht zu viele Single rausbringen, denn dann funktioniert etwas nicht. „Du hast mich tausendmal belogen“ war vier Jahre lang jeweils in der Jahreshitparade von WDR4 auf Platz Eins.
Geht es bei „Da wo ein Engel die Erde berührt“ über das Verlieben an sich?
Andrea: Ja. Diese Metapher beschreibt ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Dass man sich vom Meeresgrund abstößt und einfach mal Flügel hat.
In vielen deiner Lieder ist die Liebe entweder vorbei oder kurz vor dem Ende. Aber dennoch ist noch Liebe vorhanden. Wie kommt es zu diesem Zwiespalt zwischen Loslassen und Festhalten in deinen Songs?
Andrea: Genau dieser Zustand macht doch die Liebe aus. Wenn ich eine Liebe leicht loslassen kann, ist es keine Liebe. Wenn ich eine Liebe festhalten und einsperren will, dann ist es auch keine Liebe. In der Liebe muss ich mich was trauen. Sie hat immer auch mit Verlustangst zu tun. Man kann auch keinen Strich unter die Liebe ziehen und sagen „Das hast du eingebracht, das habe ich eingebracht“. Wie die Liebe letztendlich funktioniert, weiß ich nicht. Aber für mich ist die Liebe der Mittelpunkt und der Motor des Lebens.
Kennst du dich gut aus in der Liebe?
Andrea: Nein, aber ich beschäftige mich damit. Ich bin ein Mensch, der Liebe braucht. Ich würde ersticken, wenn mich keiner mehr liebt. Aber viele Menschen haben mich lieb, und viele sagen mir das auch. Ich brauche das. Liebe von den Menschen erfahren, das bedeutet mir mehr als alle Goldenen Schallplatten an der Wand.
Sprichst du mit deinem Mann Uli Ferber über deine Lieder?
Andrea: Natürlich. Ich habe meinen Mann ja auch bei einem meiner Konzerte kennengelernt. Wir sind jetzt seit sechs Jahren zusammen. Erst war er nur ein Fan meiner Musik, später dann lernte er mich dann als Mensch kennen und lieben.
Wie habt ihr euch denn verliebt? Hat er dir am Autogrammstand seine Nummer gegeben?
Andrea: Nein, das war viel schöner (lacht). „Mach diese Nacht unendlich hat er gesagt“. Nein, nein. Es war eine süße Begegnung. Ich hatte einen Auftritt in seinem Hotel in Kleinaspach. Mein Vater und ich waren im Auto unterwegs, wir kamen an diesen Ort, und ich spürte dann gleich, diese Begegnung ist etwas Besonderes. Erst ein halbes Jahr später haben wir uns zum ersten Mal länger unterhalten, und irgendwie lag dieses Knistern in der Luft. Ich glaube ganz fest daran, dass nichts im Leben Zufall ist. Sondern, dass das Schicksal etwas ist, gegen das man sich nicht wehren kann.
Trittst du häufig im Sonnenhof deines Mannes auf?
Andrea: Häufig nicht, aber ab und zu tut mir so ein kleines Konzert gut. Insgesamt gebe ich nun eher große Konzerte, aber dafür etwas weniger.
Bist du noch nervös vor deinen Konzerten?
Andrea: Ich bin angespannt, aber Angst habe ich nie. Ich bin heiß darauf. Wenn das Licht ausgeht, spüre ich eine unwahrscheinliche Energie und Spannung. Auf der Bühne fühle ich mich am Sichersten. Im richtigen Leben bin ich manchmal auch unsicher.
Du bist auch berühmt für deine sexy Bühnenoutfits. Sind die scharfen Klamotten ein wichtiger Teil deiner Show?
Andrea: Ganz bestimmt sind sie das. Die Kleidung ist ein Teil des Ausdrucks. Die Erotik ist bei mir eine wichtige Darstellungsform. Und auch eine Form von Befreiung, von Lebensfreude und ein bisschen von Provokation. Die meisten Menschen aber finden gut, was ich anziehe.
Wovon willst du dich denn befreien?
Andrea: Davon, dass es manchmal heißt „Wie kann die denn einen Straps auf der Bühne tragen?“ Ja, wieso denn nicht? Sogar Pipi Langstrumpf hatte Strapse an.
Trägst du die Sachen, die du auf der Bühne anhast, auch außerhalb an?
Andrea: Nee, also, das würdest du Cher jetzt auch nicht fragen, oder?
Eugen: Ich finde es toll, wenn Menschen provozieren. Madonna zum Beispiel. Provokateure verlangen viel vom Leben, sie geben aber auch viel.
Andrea: Es war eine Entwicklung mit den Outfits. Irgendwann merkte ich, dass ich mich im Minirock sehr wohl fühlte auf der Bühne. Und damit spielte ich dann herum.
Hast du Groupies? Männer, die zu jedem Konzert kommen?
Andrea: Männer und Frauen auch. Es gibt Fans, die stehen bei jedem Konzert an der gleichen Stelle. Die sind immer einfach da. Ich finde diese Fankultur toll. Die Fanclubs zeigen sich gegenseitig ihre Städte. Du bist auch nie alleine, als Fan triffst du bei jedem Konzert andere Fans, die du kennst. Die übernachten gegenseitig bei sich, bilden Fahrgemeinschaften, fangen den Einzelnen auf, das ist richtig toll. Niemand ist allein.
Ist dir der Umzug von Krefeld ins Schwäbische schwergefallen?
Andrea: Nein. Wenn du so einen Beruf machst wie ich, dann ist es nicht so wichtig, von wo aus du den machst. Meine Familie, meine Tochter, alle sind zusammen. Ich besuche regelmäßig meine Freunde oder die kommen mich besuchen. Und ob ich nun in Düsseldorf ins Flugzeug steige oder in Stuttgart – das ist egal.
Was hörst du so für Musik?
Andrea: Robbie Williams mag ich sehr gerne. Oder die Bee Gees. Manchmal höre ich auch nur asiatische Entspannungsmusik. So ganz leise. Oder Klassik. Die Kuschelrock Classics finde ich unheimlich schön, davon kann man sich richtig davontragen lassen.
Bist du durch deinen Mann, der als Spielerberater arbeitet, Fußballfan geworden?
Andrea: Bevor wir zusammenkamen, habe ich mich für Fußball gar nicht interessiert.
Inzwischen schon. Weil ich auch da plötzlich Menschen kennengelernt habe und einen persönlichen Bezug bekam.
Warst du dabei, als der VfB Stuttgart Meister wurde?
Andrea: Das kannst du aber glauben! „Ein Stern der über Stuttgart steht“ haben wir gesungen, alle zusammen.
Hast du Lieblingsspieler?
Andrea: Mario Gomez und Serdan Tasci vom VfB. Alexander Hleb vom FC Barcelona. Ein paar Jungs aus Hoffenheim...
Also alle, die bei deinem Mann unter Vertrag sind.
Andrea: Klar, aber das sind auch meine Jungs. Die kenne ich persönlich.
Wer wird Meister?
Eugen: Magath.
Gehst du eigentlich viel shoppen?
Andrea: Komme ich nur wenig zu. Wenn ich zuhause bin, dann habe ich auch gerne einfach mal meine Ruhe. Ich kaufe allerdings gerne Schuhe, das stimmt.
Deine Tochter Lena ist 11. Wird sie in deine Stapfen treten?
Andrea: Meine Tochter ist sehr musikalisch, aber ich werde sie nie in diese Richtung treiben wollen. Eher im Gegenteil. Ich werde ihr genauso wie das mein Papa damals getan hat, sagen: „Mach, was du denkst, aber lerne einen ordentlichen Beruf“. Mit der Gelassenheit, aus einer gesicherten Existenz heraus arbeiten zu können, klappt es viel besser.
Die ganzen 17- oder 18-Jährigen bei „Deutschland sucht den Superstar“ haben auch nix gelernt. Wie findest du das?
Andrea: Lena guckt sich das auch an. Ich meine jedoch, dass man vorsichtig sein sollte mit den Träumen von solch sehr jungen Menschen. Wenn die Illusion zerbricht, dann kann man solche jungen Seelen sehr schnell verletzten. Aber wenn Lena da unbedingt hingehen wollte, würde ich es ihr nicht verbieten.
Würdest du, wenn du heute 18 wärst, dort mitmachen?
Andrea: Nein.
Wie langfristig planst du deine Musik und Karriere? Was möchtest du in 40 Jahren machen?
Andrea: Mir auf jeden Fall einen neuen Produzenten suchen (lacht). Ich weiß genau, dass ich ewig Musik machen werde. Weil die Musik mein Leben ist.
Studio Römer Sound, Rösrath, 24. März 2009
Steffen Rüth für Sony Music
Andrea Berg LIVE:
20.05.2009 Chemnitz Arena
21.05.2009 Erfurt Messehalle
22.05.2009 Leipzig Arena
23.05.2009 Berlin O2 World
24.05.2009 Magdeburg Bördelandhalle
29.05.2009 Hannover TUI Arena
30.05.2009 Oberhausen König-Pilsener-Arena
04.07.2009 Aspach Open Air
12.11.2009 Graz Stadthalle
13.11.2009 Villach Stadthalle
14.11.2009 Wr.Neustadt Arena Nova
15.11.2009 Innsbruck Olympiahalle
16.11.2009 Linz Intersport Arena
Andrea Berg im TV:
24.04.2009 NDR Aktuelle Schaubude
09.05.2009 NDR Nacht des deutschen Schlagers
10.05.2009 ZDF Fernsehgarten
15.05.2009 MDR Musik für Sie
Quelle. SONY MUSIC